Wohnen wird Mittelschicht-Problem

  • Von Christian Bohnenkamp


    Hannover. Mieten jenseits von acht Euro pro Quadratmeter Wohn­fläche werden in Hannover zur Normalität. Sie wurden in den vergangenen Jahren in fast 60 Prozent der Fälle verlangt. Ein Pro­blem, das zunehmend auch die Mittelschicht trifft. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Wohnungsmarktstudie, die die Stadt erstellt hat. Sie hat dafür 54 000 Mietwohnungsinserate sowie 19 300 Kaufangebote aus den Jahren 2012 bis 2017 ausgewertet.


    Wie sehr sich die Lage am Wohnungsmarkt verschärft hat, zeigt der Blick zurück. In den Jahren 2006 bis 2012 wurden lediglich zehn Prozent der Wohnungen für mehr als acht Euro pro Quadratmeter vermietet. 50 Prozent der inserierten Mietwohnungen waren damals noch für weniger als sechs Euro pro Quadratmeter zu haben. Von 2012 bis 2017 bekamen nur noch zwei Prozent der Mieter eine Wohnung zu diesem Kurs.


    Im Zeitraum von 2012 bis 2017 stiegen die Preise bei Neuvermietungen um 22,8 Prozent, von durchschnittlich 6,54 Euro pro Qua­dratmeter auf 8,03 Euro. Dies belastet laut Stadt „zunehmend auch die Mittelschicht“. Mehr als jeder vierte Haushalt in Hannover trage durch Kaltmiete und Nebenkosten mittlerweile eine Mietbelastung von mehr als 40 Prozent des Haushaltseinkommens, was „allgemein als eine Überbelastung der Haushalte durch Wohnkosten angesehen wird“, erklärt die Stadt.


    Allein 2017 stieg unter den Mietern, die umzogen, der Anteil derjenigen, die mehr als 800 Euro monatlich zahlen müssen, von 13 auf 21 Prozent. Der Anteil derjenigen mit Mietkosten von weniger als 400 Euro pro Monat verringerte sich von 31 auf 18 Prozent. Oft werden laut Stadt Mieten „ohne sichtbaren Grund“ erhöht, schlicht, weil es die gestiegene Nachfrage möglich machte.


    Die drohenden Mehrkosten bei Neuvermietungen führen auch da­zu, dass sich immer weniger Hannoveraner eine neue Wohnung su­chen. 2011 zogen noch 9,2 Prozent der Einwohner um. 2015 waren es nur noch 7,4 Prozent.


    Das hat nach Einschätzung der Stadt zur Folge, dass der sogenannte Sickereffekt in Hannover nicht mehr funktioniert. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Bau von besonders teuren Wohnungen Umzugsketten auslöst, weil die Besserverdienenden dort einziehen und damit ihre Wohnungen frei machen für einkommensschwächere Bürger. Das ist angesichts des angespannten Wohnungsmarktes aber immer seltener der Fall.


    Verschärft wird die Situation dadurch, dass geförderte Wohnungen, in denen Einkommensschwache unterkommen können, schneller aus der Mietpreisbindung fallen, als neue geförderte Wohnungen entstehen. Sowohl bei der Stadt als auch bei Wohnungsunternehmen und Genossenschaften seien „zukünftig weitere Maßnahmen zur Steigerung des Anteils preiswerten Wohnraums auf dem hannoverschen Wohnungsmarkt erforderlich“, um die bereits vorhandene Lücke zu schließen und zu verhindern, dass diese noch weiter aufgeht, kündigt die Verwaltung an.


    Neubauwohnungen, die nicht staatlich gefördert wurden, sind ohnehin in der Regel nur für reichere Bevölkerungsschichten zu ha­ben. Sie werden im Schnitt für 11,92 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche angeboten und sind damit 60 Prozent teurer als ältere Mietwohnungen.


    http://epaper.neuepresse.de/#!…011800/NP20180622/8205396

    Ich rieche so gut, weil ich zu 80% aus Orangenhaut bestehe!